Autoren-Stimmen

![]()
Aissy Leugermann
(Alwines Reise)
Das Schriftbild ist so lesefreundlich geworden. Mit jedem Mal wenn ich das Buch durchschaue erfüllt es mich mit größerer Freude.
Alwines Reise
Kurzgeschichten
Autor: Aissy Leugermann
Art: Taschenbuch
Seiten: 208
mit zahlreichen farbigen Illustrationen
ISBN: 978-3-941275-00-3
Preis: € 16,80
Welche Rachepläne spinnt die seltsame Mademoiselle Chatte mit der Katze auf ihrem Hut? - Welches Geheimnis verbindet die kleine Meike mit der jungen Grafikerin, die einander bei einem Unfall scheinbar das erste Mal begegnen? Wenn Sie die Antworten auf diese und andere spannende Fragen erfahren wollen, lassen Sie sich in die stimmungsvolle und träumerische Welt dieses liebevoll gestalteten Sammelbandes entführen! Mit zugleich großer Leichtigkeit und Erzählkraft schreibt Aissy Leugermann von der Leidenschaft des Suchenden und dem Glück des Findens. Für die großen tragischen Momente entwickelt sie dabei einen ebenso genauen Blick wie für die kleinen menschlichen Gesten. Die vielfältigen und unverwechselbaren Figuren dieser Erzählungen werden einen Platz in Ihrem Herzen finden, noch ehe Sie mit dem Lesen aufgehört haben.
Leseprobe
Een Kindeken is on geboren
Und es trieb sie immer wieder an jene Stelle, wo das Unglück geschah - doch die Treppenstufe war leer, der graue abgetretene Sandstein starrte sie an wie eine aufgeweichte Buchseite, eine sehr, sehr alte. Heute war es schon dunkel und eigentlich zu spät, nochmals auszugehen. Vivien verspürte jedoch den Zwang, es trieb sie unerbittlich, als wolle sie das Schicksal weiterhin schlagen und zu ruhelosem Wandern verurteilen. Schon war sie am Kliff angekommen, das Wattenmeer schlug leise Wellen am algenreichen Ufer. Fern der Leuchtturm und Wind, der den Sand trieb. Oktober auf der Insel. Vivien lief den Dünenhang hinauf, kletterte über Seegras und Heide, wusste nicht mehr, wo sie war, weiter, höher, Gesteinshalden, stechendes Gestrüpp, der Schrei aufgeschreckter Möwen, eine Schiffssirene. Es schien Regen zu geben.
Da, ein Schrei - Vivien war voller Wucht mit dem Kopf aufgeschlagen - einige Meter hinuntergestürzt und blieb betäubt liegen. Tränen erstickten all ihr Bemühen, um Hilfe zu rufen. Sie konnte nur noch wimmern, dann schlossen sich ihre Augen. Meike war früh aufgestanden. „Mutti, ich lauf schon, die Brötchen holen!" Ihre Hand ergriff die Einkaufstasche. Um 7 Uhr hatte der Bäcker geöffnet - es war täglich ein Erlebnis auf der Insel, schon von fern den Duft des gebackenen Brotes zu riechen und dann - nach alter Väter Sitte - zusehen zu dürfen, wie das Brot aus dem großen Backofen gezogen wurde. Doch es schlug gerade erst 6 Uhr - so früh war Meike wieder aufgewacht. So sprang sie munter noch zum Watt hinunter und sah dem Treiben der Wasservögel zu, die sich im Schlick herumtrieben.
Was war das? Meike kannte gut die Vogelstimmen, aber eben, nein, jammerte da nicht ein Mensch? Sie lief in Richtung der Stimme, die sie zu hören glaubte, es war nicht weit vom Ufer, den Hang hoch, kurz vor dem roten Kliff, wie man es nannte, da lag jemand! Meike hatte schon gehört, dass es Menschen gab, die auf diese Weise in böser Absicht andere anlockten ... Irgendetwas gab ihr den Mut, und sie war ja flink, falls sie verfolgt würde. Langsam schritt sie näher. Da lag eine Frau, blass, stöhnend. Meike nahm sich ein Herz: „Hallo, ich bin da, ich hole jemanden!" Mit dem Kopf war die junge Frau in eine Steingrube geschlagen. Angetrocknetes Blut klebte über Stirn und Haaren. Die Augen öffneten sich, als Meike unaufhörlich rief: „Hallo, ich bin da, ich hole noch jemanden, haben Sie keine Angst!"
Vor Vivien drehte sich ein Kinderköpfchen, verschwamm in Nichts - dann war wieder Dunkelheit um sie. Mehrere Männer hatten Vivien zur Unfallstation geschafft. Dort hatte man eine Gehirnerschütterung und Fleischwunde am Kopf festgestellt. Das Krankenhaus war einige Kilometer entfernt - dorthin brachte man Vivien.
Frau Jensen hatte schon nach ihrer Tochter gesucht. „Meike, endlich, wo warst Du so lang?" Und Meike erzählte von dem Unglück. „Wird diese Frau nun auch wieder gesund, Mutti?" - „Nun", meinte Frau Jensen, „das werden wir erfahren, ich werde einmal nachfragen." - „Darf ich sie denn besuchen?" - „Vorläufig nicht, Kind, vielleicht in ein paar Wochen!"
Auch Herr Elsheimer wartete auf Post von seiner Frau Vivien. Das ging nun schon über eine Woche. Es bedrückte ihn sehr. Schon oft verlangte seine Frau, auf die Insel zu fahren. Er hatte fast das Gefühl, als sei dort ein Geheimnis begraben, doch Vivien wehrte stets ab: „Du weißt doch, ich bin dort früher schon so gern in den Urlaub gefahren. Komm doch mit!". Doch Herr Elsheimer liebte mehr die Bergwelt und verbrachte nach wie vor dort seine Ferien. Ihm war auch die Anreise von über 1000 Kilometer zu beschwerlich. Jetzt hatte er endlich zugesagt, ihr den Wunsch zu erfüllen, doch außer dem kurzen Anruf, dass sie gut untergebracht und alles glatt gegangen sei, bekam er keine weitere Nachricht von ihr. Das Telefon schrillte.
„Ja!" - „Hier Polizeistation vier, Herr Elsheimer?" - „Ja" - „Herr Elsheimer, wir müssen Ihnen eine Mitteilung machen. Ihre
Frau ist verunglückt, keine Lebensgefahr, liegt auf der Insel ..."
Noch einige Informationen und schon saß Herr Elsheimer in seinem schnellen Wagen.
Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich. „Frau Elsheimer, Besuch, Ihr Mann!" Sie redeten nicht viel miteinander. Vivien lächelte - „Da war ein Kind, das hat
mich gerettet ..." - „Schon gut, Vivien, Du wirst gesund werden, und wir werden uns ein Kind holen. Sollen wir noch länger warten?". Sie drückte seine Hand.
Herbert war nun entschlossen, seiner Frau, und wohl auch sich, diesen Wunsch zu erfüllen, der sich ihm erst jetzt hervordrängte. Bisher hielt er es gut aus und wollte nichts wissen davon, doch - es war ja bald Weihnachten und es sollte nicht weiter so trostlos sein für Vivien.
I
hr Gesundheitszustand besserte sich rasch. „Schwester, ich möchte gern dem Kind danken, das mich gerettet hat." - „Ja, Frau Elsheimer, die Leute haben schon angerufen. Zum Wochenende hat der Chef erlaubt, dass die Kleine kommen darf!"
Vivien freute sich. Zwar hatte sie keine starke Erinnerung mehr an das kleine Mädchen, doch ein Köpfchen mit wunderbaren Augen, das vergaß sie nicht. Solch schöne Augen - wo hatte sie diese Augen schon gesehen?
Sie grübelte und ihre Gedanken versanken in der Erinnerung. - Neun Jahre lag es zurück. Sie hatte ihr Studium vollendet und eine Anstellung als Grafikerin gefunden. Ihr Chef zeigte sich immer großzügig, sie hatte viel Freizeit, leistete aber auch gute Arbeit. Der Weg zur Insel war nicht weit. Jedes Wochenende verbrachte sie dort. Es fand sich immer irgendjemand, der, wie sie, die Einsamkeit suchte.
Und dann kamen die langen Ferien und der Weg am Watt, die Nacht in den Dünen, in der die Gräser sich wiegten, Sand ihre Füße bedeckte und nur eine Stimme sie umgab, die ständig sagte: „Vivien, das ist unser schönster Tag!" - „Ja, Niels, ich will es so haben!". Und niemand wusste, dass in dieser Nacht geheimes Leben seinen Anfang nahm.
Der Morgen kam, er musste kommen. Vivien fand einen Zettel neben sich ... „vergiss alles - ich fahre zur See. N." Das Drama begann. - „Frau Gladis, was haben Sie nur? Warum muss ich Sie immer zweimal fragen?" Vivien blickte ihren Chef
erschrocken an. „Ach, nichts!" Dann kündigte sie. Begann Tabletten zu schlucken, denn sie fand keinen Schlaf. Das Kind gebar sie auf einer Reise in den hohen Norden - contergangeschädigt! Statt des linken Arms nur zwei zusammengewachsene Finger an der Schulter. Als Vivien aus der Klinik entlassen wurde, handelte sie wie in Panik. Alles, was sie für das Kind gekauft hatte, gab sie dem Kind mit. Auch einen Zettel „geboren am 10. Dezember". Fuhr auf die Insel, immer das kleine Bündel im Arm. Sie kannte das Haus, legte das Kleine auf die Treppenstufen. Es war der Heilige Abend. - „Een Kindeken is on geboren" ... sang man in der alten Seemannskirche. Die Fenster der Häuser im Friesendorf waren dunkel, man feierte eben Christmette in St. Severin. Sie irrte durch die Dünen, im Morgengrauen ging sie durch die Straßen. Das Bündel auf der Treppe war fort. Man hatte es wohl gefunden. - Ein Jahr später heiratete sie Herbert.
Sieben Jahre wartete sie schon auf ein Kind und so war sie herumgeirrt, ganz intensiv wollte sie hier an Niels denken. Sie hatte die Stelle gefunden. Oberhalb der Steingrube. Dann war sie gestürzt.
Heute schrieb man den 10. Dezember, es war der zweite Advent. „Frau Elsheimer, Besuch ist da!" Die Tür öffnete sich. Meike betrat das Krankenzimmer. Sicher musste es draußen sehr kalt sein, denn das dicke Cape, welches Meike gut stand, war mit einem Pelzrand besetzt. Frau Elsheimer errötete glücklich, als Meike einen Tannenstrauß mit Christrosen unter dem Cape hervorholte. „Das ist von meiner Mutti, sie konnte leider nicht mitkommen, ich hab nämlich heut Geburtstag und sie will noch Kuchen backen. Papa ist auch auf Urlaub. Bald fährt er wieder zur See, aber Weihnachten ist er immer bei uns!" „Wie heißt Du denn?", fragte Vivien, denn Meike plauderte unaufhörlich weiter. „Ich heiße Meike!" „Leg doch Dein Capchen ab, Meike, hier ist es warm!" Meike warf das Cape über den Stuhl. „Und weißt Du, wir führen an Weihnachten ein Krippenspiel auf." - Vivien spürte einen Stich in der Herzgegend - sie sah ein verkrüppeltes Händchen, welches an der linken Schulter angewachsen war - und die schönen dunklen Augen, die sie nie vergaß ... „Weißt Du, wie das Krippenspiel heißt?" Vivien redete wie im Traum ... „Sag's mir, Niels ..." - „Ja, so heißt mein Vater ... das Stück heißt ‚Een Kindeken is on geboren' und die drei Könige kommen auch vor und ich darf das Gedicht sagen ...".


