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BetriebsSTÖRUNG ... und andere Testfälle des Alltags
Satiren und Grotesken
Autor: Ralf Schäfer
Art: Taschenbuch
Seiten: 148
mit Karrikaturen von Heinrich Loy
ISBN: 978-3-941275-16-4
Preis: € 12,80
Ein Wartezimmer beim Arzt, der Supermarkt um die Ecke, Büroetagen und -flure - so alltäglich und vertraut erscheinen die Schauplätze in denen Ralf Schäfer die Protagonisten seiner humorvollen Anekdoten agieren lässt. Und doch versteht er es immer wieder Figuren und Situationen - wie aus dem Leben gegriffen - ins Groteske zu übertreiben und damit die vielen kleinen Unzulänglichkeiten im Zusammenleben auf amüsante Art und Weise offenzulegen. Die Satiren Schäfers wirken dabei selbst wie ein wohltuendes Rezept, um manches im Leben weniger ernst zu nehmen und um das eine oder andere Mal auch wieder über sich selbst zu lachen.
Leseprobe
Ein Wartezimmer ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Manchmal ist es still, manchmal geht es hoch her. Auf jeden Fall aber sollte man im Kontakt mit Ärzten und anderem Gesundheitspersonal nach Möglichkeit völlig gesund sein!
Schockheilung
Es war 10:00 Uhr; im Wartezimmer saßen bereits neun Patienten. Ich war also an zehnter Stelle dran. Die meisten blätterten in einer Zeitschrift und hoben kaum den Kopf, als ich mit einem freundlichen Gruß eintrat. Ich fragte höflich nach dem Patienten, der vor mir an der Reihe war, und ein älterer Herr hob daraufhin wortlos seine Hand. Also nahm ich mir auch eine der Illustrierten, stellte allerdings fest, dass die vom November des vergangenen Jahres war. „Na ja! Wir haben ja erst Mai", überlegte ich mir. Da schau' ich doch mal, was im letzten November so los war."
Als ich die offensichtlich oft durchblätterten Seiten in der Hand hielt, wurde mir bewusst, dass die bestimmt schon etliche Menschen vor mir in ihren Händen gehalten hatten. Ich schaute auf die braunen, wie abgelutscht aussehenden Ecken. Meine Finger wurden immer spitzer, ich fasste die Seiten schließlich in der Mitte an - da, wo das Papier den saubersten Eindruck machte.
Die Bilder in der Zeitschrift verdeutlichten mir, wie vergänglich die äußeren Dinge des Lebens doch waren. Bei den „Neuesten Nachrichten" musste ich genauer hinschauen, um das Kleingedruckte überhaupt noch wahrnehmen zu können. Dabei wurde mir mal wieder klar: „Es gibt kaum etwas Langweiligeres als die Neuigkeiten von vorgestern." - Und vor meinem geistigen Auge sah ich mich plötzlich auf einer mittelalterlichen Burg. Nachdem ich monatelang auf eine Botschaft gewartet hatte, kam endlich ein Bote an. Alle Burgbewohner wurden zusammengetrommelt; es machte sich eine spannungsvolle Erwartungshaltung breit. Dann begann der Bote, seine Meldung vorzulesen. Es waren jedoch nur negative Nachrichten. Bald riefen die ersten „Aufhören, aufhören!" - Was man damals mit dem Überbringer einer schlechten Nachricht tat ... das wollte ich mir lieber nicht vorstellen und kehrte in die Realität zurück.
Mir fiel das „Altpapier" aus der Hand, und ich hob es auf. Die Journaille war zugeschlagen, deshalb suchte ich die Seite, die ich mir zuletzt angesehen hatte. Eigentlich eher beiläufig bemerkte ich, wie der Herr, der mir gegenüber saß, in der Zeitschrift blätterte: Er befeuchtete seinen Finger mit der Zunge, damit er die einzelnen Seiten besser greifen konnte. Das machte er mit allen so, und die waren genauso schmuddelig wie die in meiner Zeitschrift.
Der Film in meinem Kopfkino geht los und ich versuche zu erfassen, welche Krankheiten ich mir hier holen konnte. - Wie viele Krankheitsherde konnte ein Mensch sich hier „reinschlecken"? - Ich musste auch an den Arzt denken. Der bekam das ja alles ab, auch wenn er sich nach jeder Untersuchung seine Hände wusch. Er gab ja jedem Patienten die Hand.
Ich wollte mir die Schleckerei und die damit verbundene Gehirnverrenkung und die damit nicht länger antun, blickte aber, wie unter Zwang, immer wieder hin. Also schaute ich mich nach einem anderen Stuhl um. Auf der anderen Seite war inzwischen einer frei geworden; eine aufgeschlagene Zeitschrift lag auf dem Sitz. Ich legte mein „Altpapier" auf den Tisch, nahm die andere Illustrierte und setzte mich auf den Stuhl. Der neue Lesestoff war eine Frauenzeitschrift, erst vier Monate alt. „Na ja ... warum nicht?!", dachte ich, und bemerkte nicht gleich, dass die beiden Damen links und rechts von mir sich leise miteinander unterhielten - quasi über mich hinweg. Ich betrachtete mir jetzt die neuesten Modekreationen, und bei der Abbildung und Rezeptur eines Sauerbratens nach „Kölscher Art" signalisierte mir mein Magen, dass er nichts gegen diese kölsche Zubereitung einzuwenden hatte. Ich blätterte weiter und blieb bei der heiklen Fragestellung hängen, ob eine friedliche Scheidung möglich wäre. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung beantwortete ich dies mit einem klaren „Nein!"
Mittlerweile war es 11.30 Uhr. Ich hörte, dass meine beiden Sitznachbarinnen über eine bösartige Infektion sprachen, die vermutlich durch Unreinheit entstand und bis zum Atemstillstand führen konnte ... bei vollem Bewusstsein.
Als ich begann mir dies lebhaft vorzustellen, wurde ich deutlich unruhiger und schaute auf mein mittig gehaltenes Frauenmagazin. Dann sah ich, dass ein anderer Patient ebenfalls seinen Finger mit seiner Spucke anfeuchtete, bevor er die Seite umblätterte - und diese gleichfalls mittig hielt.
Ich versuchte, nicht an die Folgen zu denken. Die beiden Damen unterhielten sich zwischenzeitlich über Tumore und ich erfuhr, dass diese sich meist unberechenbar verhielten, wie Teufelchen, bevor sie erbarmungslos zuschlugen. Schlimm, schlimm!.
Ich legte meine Zeitschrift auf den Tisch und ging zum geöffneten Fenster. Aber dort zog es, und da ich erkältet war ...
Allmählich leerte sich das Wartezimmer, sodass ich mir einen anderen Platz suchen konnte, an dem ich mir links und rechts keine Gräuelgeschichten anhören und keine schleckenden Zeigefinger ansehen musste. Die Arzthelferin rief den Namen des nächsten Patienten auf, und der Herr links neben mir ging ins Behandlungszimmer.
Ich schaute mir nun den Zeitungsstapel an - auch dabei handelte es sich offensichtlich um einen Haufen Altpapier. Auf einmal kam mir ein schrecklicher Gedanke: „Sind die alten Zeitungen etwa extra hier ausgelegt worden - sozusagen als Bazillenträger?" - Augenblicklich sah ich nun selbst davon infiziert. Aber schließlich kam mir dies dann doch etwas zu unwahrscheinlich vor. „So einschneidend ist die geplante Gesundheitsreform ja wohl nicht", beruhigte ich mich, um meinen Seelenfrieden wieder herzustellen.
Inzwischen hatte sich links neben mir ein älterer Herr hingesetzt. Ich grüßte ihn, er grüßte zurück, und sofort fing er an: „Wissen Sie, wie oft ich in den letzten vier Jahren in Krankenhäusern war?"
Ich verneinte dies auf eine Art, an der er eigentlich erkennen musste, dass ich es gar nicht wissen wollte.
„Zehnmal ... das muss man sich mal vorstellen! Aber die haben mich wieder ganz gut hingekriegt. Obwohl mir einer der Oberärzte in - äh ... ich weiß nicht mehr in welcher Klinik - gesagt hat, ich wäre ein hoffnungsloser Fall!"
Ich erwiderte nichts; dachte nur: „Der Oberarzt hatte mit seiner Diagnose sicher Recht!" - Alsdann folgten ausführliche Berichte über die verschiedenen Krankenhäuser mit Besonderheiten wie zum Beispiel: in welchem es extra guten Kaffee gab und in welchem er die nettesten Krankenschwestern angetroffen hatte. Gutes Essen oder ein gelungenes Ambiente lobte er in den anderen Krankenhäusern - mir kamen seine Beschreibungen fast wie Urlaubserinnerungen vor.
Ich hatte jedoch mittlerweile Kopfschmerzen bekommen, entschuldigte mich und ging zur Richtung Toilette. Endlich war ich allein; ich atmete einige Male tief durch und genoss die Ruhe ausgiebiger als üblicherweise. Aber als ich mich dann doch etwas genauer umschaute, registrierte ich, dass der Wasserhahn tropfte und der Seifenspender leer war. Außerdem gab es sie offenbar überall, die Menschen, die bei ihrem dringenden Bedürfnis die Toilettenbrille nur als grobe Richtung anpeilten.
Ich hielt meine Hände unter den Wasserhahn und stellte dann jedoch erst fest, dass auch der Handtuchspender leer war. Zum Glück hatte ich ja Papiertaschentücher bei mir.
Ich ging wieder ins Wartezimmer und stellte erleichtert fest, dass der ältere Herr inzwischen ein anderes Opfer gefunden hatte. Also setzte ich mich neben eine freundlich wirkende Dame und zählte ab, wann ich an der Reihe sein würde: Drei Patienten warteten noch vor mir. Ich atmete tief durch und hatte für ein paar Sekunden sogar vergessen, weshalb ich eigentlich hier war.
Doch die Dame wandte sich mir zu: „Gell, es dauert heute wieder lange. Ich habe mich sicherheitshalber vorher bei der Gertrud, also der Sprechstundenhilfe, erkundigt. Sie meinte ja, heute würde es nicht bis zum Nachmittag dauern ..."
Ich schluckte: „Wie bitte?! Sie haben hier schon vom Vormittag bis zum Nachmittag gesessen?"
„Ja, sicher! Aber nur einmal. Seitdem erkundige ich mich vor meinem Arztbesuch bei der Gertrud, und wenn es voraussichtlich länger dauert, bringe ich mein Strickzeug mit!"
„Hm!" erwiderte ich nur darauf, denn ich konnte nicht stricken. In der Frauenzeitschrift, in der ich vorher geblättert hatte, gab's ja eine Anleitung. Aber die war garantiert auch schon veraltet.
Auf der anderen Seite hustete und prustete ein Herr im mittleren Alter zum Gotterbarmen . Ich lächelte ihm verständnisvoll zu. Aber er schaute misstrauisch zu mir rüber mit krächzender Stimme: „Kommen Sie mir ja nicht zu nahe!"
Ich reagierte erschrocken: „Haben Sie denn eine ansteckende Krankheit?"
„Das weiß man doch nie so genau! Ich hab' Fieber und und was weiß denn ich, was dahinter steckt?!"
Ich beschloss, dieses Gespräch mit einem Nicken zu beenden. Doch es war zu spät: „Wissen Sie, vorige Woche war ich im Krankenhaus, weil ich immer wieder Fieber habe. Da haben die mir doch glatt gesagt, ich hätte nichts!" - Es folgte eine kurze Verschnaufpause, dann legte er los: „Denen hab' ich es aber gegeben! Seit zwanzig Jahren werde ich nun schon wegen des Fiebers behandelt. Und da sagt mir so ein junger Arzt ..." - Seine Aufregung verschlug ihm schlichtweg die Sprache.
Da wurde ich aufgerufen - und schickte ein Gebet zum Himmel!
Als Erstes betrat ich das Vorzimmer, dann hörte ich meinen Namen, und: „Weshalb sind wir denn hier?" - Ich hätte am liebsten geantwortet: „Ich weiß ja, warum Sie hier sind", sagte aber nur: „Ich bin wegen einer Erkältung hier!" - Dann folgte die Frage: „Haben Sie Fieber?" - Ich verneinte das, ohne es genau zu wissen.
„So, dann messen wir mal den Blutdruck!" - Der war nur leicht erhöht. Danach durfte ich das Sprechzimmer betreten. Der Arzt fragte mich nach meinem Befinden. Ich musste den Mund öffnen, und mithilfe eines Spatels begutachtete er meinen Rachen. Dabei schoss mir blitzartig durch den Kopf, dass er mich möglichst nicht anfassen sollte. Deshalb versuchte ich ihm zu vermitteln. „Die Erkältung ist eigentlich gar nicht mehr so schlimm!"
„Aber Sie sind sehr zappelig. Haben Sie Stress?"
„Nein, nein! „Ich bin in der letzten Zeit nur etwas schneller genervt als sonst!"
„Ja", sagte der Arzt „Das geht mir auch manchmal so - aber ich habe hier ..." dabei griff er auf seinem Schreibtisch herum, bis er eine abgegriffene Fachzeitschrift fand, und murmelte: „Wo ist denn der Artikel über die Meditationsmethoden?" Er blätterte hektisch in den Seiten herum - und dann sah ich es: Zum schnellen Blättern befeuchtete er seine Finger!
Es heißt, Schockerlebnisse können heilsam sein ...


