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Buchregal

Der Codex des Papstes

Historischer Roman

Art: Taschenbuch
Seiten: 316
ISBN: 978-3-941275-18-8
Preis: € 11,80

Rom, anno 1447, Papst Nikolaus IV., besessen von dem Wunsch die Vatikanbibliothek auszubauen, schickt seine Schergen aus, um ihm noch eines der letzten erhaltenen Exemplare der kostbarsten und jahrtausende alten Handschriften der Bibel, den Codex des Kaisers Konstantin zu beschaffen. Zur gleichen Zeit macht Hannes Piepgrimm, Söldner eines deutschen Heerführers, bei seiner Flucht aus der Gefangenschaft den Fund eines besonderen, alten Buches. Von nun an verfolgt von einer Überzahl skrupelloser Häscher, wähnt der Soldat die Jagd schon für sich verloren. Wären da nicht der kampferprobte chinesische Mönch Whu Cheng und einige andere neue Freunde, die beschließen, Hannes auf seiner abenteuerlichen Reise zu begleiten, um den Codex doch noch seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen.

Leseprobe

Whu Cheng und Hannes erwachten nahezu gleichzeitig, weil sie von den Schreien ihrer Mitgefangenen geweckt wurden. Auch nahmen sie sofort den Brandgeruch wahr, der bereits durch die Gänge wehte. Hannes trommelte verzweifelt gegen die Tür, doch die Wärter schienen bereits das Weite gesucht zu haben. Ohne dass jemand die Tür von außen öffnete, waren sie wohl dem Feuertod geweiht. „Hannes, geh bitte von der Tür fort, damit ich sie öffnen kann!“ sprach Whu Cheng und schob den verdutzten Freund leicht beiseite. Whu schloss beide Augen und konzentrierte sich einen Augenblick. Dann nahm er einen kurzen Anlauf und sprang mit ausgestrecktem Fuß voran gegen die Tür, die mit lauten Krachen in zwei Teile zerbrach. Hannes kam wieder einmal aus dem Staunen nicht heraus. „Wie um Himmels Willen hast Du denn das schon wieder gemacht?“ sprach er geradezu ehrfürchtig seinen Freund an, doch der schaute bereits vorsichtig um die Ecke, um ihm dann zuzuwinken. „Komm schnell, bevor man uns entdeckt! Vielleicht bemerkt man unsere Flucht ja gar nicht?“ Sein leichter Akzent und die hohe Stimmlage hinterließen wieder einmal bei Hannes ein breites Grinsen, das ihm beim Eindringen der ersten Qualmwolken jedoch sofort wieder verging.

Beide machten, dass sie so schnell wie möglich aus dem brennenden Gebäude verschwanden. Da sie mittlerweile die Gänge einigermaßen kannten, vermieden sie es tunlichst, auf geradem Weg das brennende Haus zu verlassen, sondern sprangen in der untersten Etage in die kleine Öffnung, in die alle Küchenabfälle und auch die Exkremente der Gefangenen geschüttet wurden. Darunter verlief ein kleiner Bach, der alle Abfälle langsam, aber sicher in einen nahe gelegenen Fluss leitete. Hannes wurde das Gefühl nicht los, dass die Idee wohl nicht die beste gewesen war, und hielt, so gut es eben ging, die Luft an. Doch es half nichts. Da mussten sie jetzt durch, und die Nase so hoch wie möglich haltend, machten sie sich auf den Weg. Whu Cheng verzog keine Miene und Hannes versuchte alles, um es ihm gleich zu tun, doch der Gestank war einfach unerträglich.
So den Ort des Schreckens verlassend, unterquerten sie mehrere Gebäude, die anscheinend alle für Gefangene bestimmt waren. Erst das letzte Haus, das man an diese praktische Kanalisation angeschlossen hatte, schien ein Haus für die Wärter oder Ähnliches zu sein. Es folgte ein nahezu offenes Feld, wo sie mit Sicherheit sofort entdeckt werden würden. Also lugten sie vorsichtig durch die Abfallöffnung in das Innere des kleinen Wachhäuschens, um dann erleichtert festzustellen, dass es derzeit verlassen war. Alle Wärter befanden sich offenbar auf dem Platz vor dem brennenden Gefängnis, um bei den Löscharbeiten mitzuhelfen. Hannes erblickte einen Stapel wild hingeworfener alter Kleidung und Felle sowie mehrere Holzpritschen, einen Tisch und ein paar Stühle. Eine Öllampe spendete ein wenig Licht, und auf dem Tisch lagen die allerorts existierenden Spielkarten, die hier allen als unverzichtbarer Zeitvertreib zu dienen schienen.

Mühsam zogen sie sich erst einmal, nass und schmutzig wie sie waren, in das Gebäude und sahen sich genauer um. „Whu, zieh deine Sachen aus und schmeiß sie in Fluss. Hier oben gibt es trockene und warme Kleidung, außerdem dürfen wir uns nicht mit der Gefangenenkleidung verraten. Danach verschwinden wir wie ganz normale Wärter durch den Ausgang. Gott beschütze uns davor, erwischt zu werden, denn dann ist unser Leben keinen Pfifferling mehr wert!“ Whu Cheng zog sich ohne ein weiteres Wort vollkommen nackt aus und ließ seine Kleidung neben der von Hannes in dem stinkenden Bach verschwinden. Dort würde nie jemand danach suchen, das konnten die beiden schon im Vorhinein mit Sicherheit sagen. Sie wischten noch schnell ihre verräterischen Spuren auf dem Boden mit einigen alten Lappen fort, die sie ebenfalls im Latrinenloch entsorgten. Dann zogen sie sich in der Hütte die gebrauchte und übel riechende Kleidung der Wachen an, aber die war zumindest warm und trocken. Es waren die ersten wirklich warmen Kleidungsstücke, seitdem die beiden in dieser Hölle gelandet waren, und selbst deren Gestank erschien ihnen deshalb geradezu himmlisch.
Hannes schaute sich noch einmal genauer im Raum um. Vielleicht waren der eine oder andere Gegenstand bei ihrer Flucht ja von Nutzen, aber außer einem Leib Brot und einem stattlichen Stück geräucherten Schinkens konnte er nichts weiter entdecken. Nur ein großes, gebundenes Buch erweckte sein Interesse, denn es erschien ihm bereits uralt und vermutlich von einigem Wert. Die Pergamente schienen nicht aus Papier, sondern aus Tierhäuten oder Ähnlichem hergestellt zu sein. Womöglich bei irgendeinem Streifzug durch die zivilisierte Welt erbeutet und mit Achtlosigkeit gestraft, fristete es jetzt sein Dasein, in dem es die nächsten Monate sicherlich nicht überstehen würde. Ohne weiter zu überlegen, vergeudete er wertvolle Zeit damit, darin herumzublättern, und war von dessen Handarbeit fasziniert. Der Illustrationen wegen musste es sich um eine alte Bibel oder Ähnliches handeln, und Hannes, der durchaus ein bekennender Christ war und regelmäßig für sein Seelenheil betete, brachte es nicht übers Herz, das Buch in dieser unzumutbaren Herberge zu belassen. Zu wertvoll und zu selten erschien es ihm, um es diesen Barbaren zu überlassen. Trotz der Größe und Schwere wickelte er es, nachdem Whu Cheng seine Ungeduld geäußert hatte, in Windeseile in ein großes, wasserdichtes Fell ein, schlang ein paar herumliegende Lederstreifen darum und schwang sich das Paket wie einen Rucksack auf den Rücken.
Hannes hatte nicht das Gefühl, damit ein großes Risiko bei ihrer Flucht einzugehen. Whu Cheng hingegen behielt vorerst jeden weiteren Protest für sich, obwohl er der Ansicht war, solch ein unnützes Reisegepäck könnte für Probleme sorgen. Er nahm stattdessen die Lebensmittel sowie einen im letzten Moment entdeckten, mit Wasser gefüllten Trinkschlauch, zwei Krummschwerter samt Lederscheiden und ein dolchartiges Messer mit und warf sie sich über die Schulter. Kopfschüttelnd folgte er seinem Freund, der bereits an der offenen Tür auf ihn wartete, und festgestellt hatte, dass die Luft noch rein war. Aber das Buch schien für Hannes wohl sehr wichtig zu sein, und so machten sich beide ohne ein weiteres Wort aus dem Staub und blieben in der immer noch herrschenden Aufregung unentdeckt.