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12.9.2009

Manfred Dinser

Selbstjustiz im Schweinestall

Lesung und Autogrammstunde

Selbstjustiz im Schweinestall

und andere Lausbuben­geschichten

Art: Taschenbuch
Seiten: 164
mit zahlreichen farbigen Illustrationen
ISBN: 978-3-941275-05-8
Preis: € 12,80

Wenn Manfred Dinser von den Streichen seiner Kind­heits- und Jugend­tage erzählt, bekommen Kinder leuchtende Augen und Erwachsene fühlen sich zurückversetzt in eine Zeit, in der man noch z.B. die Schulstunde mit Wärmesalbe oder die örtliche Kleinbahn mit Schmierseife zum Erliegen brachte. Endlich hat der unverbesserliche Sigmaringer Bub die lustigsten Anekdoten aufgeschrieben und macht damit seinem fast schon sprichwörtlich gewordenen Ruf als "schwäbischer Eulenspiegel" erneut alle Ehre. Der kurzweilig erzählte und von Jürgen Knorr liebevoll illustrierte Schabernack bietet vergnüglichen Lesespaß für Jung und Alt!

Leseprobe

Selbstjustiz im Schweinestall

Wir hatten damals einen verbitterten Mann als Nachbarn, der es sich aufgrund seiner Boshaftigkeit nicht nur mit uns Kindern, sondern auch mit den meisten Erwachsenen in der Nachbarschaft verdorben hatte. Aber die schimpften ja nur über ihn. Deshalb mussten wir Kinder etwas gegen ihn unternehmen, denn er hatte einmal unseren Fußball mit dem Messer zerstochen. Dass wir ihm das heimzahlen wollten, war klar, und wir gingen strategisch und taktisch gewieft vor. Eines Abends war es endlich soweit: Hinten in unserem Hof war der Schweinestall, der zwei Zugänge hatte: einen im Hof, einen im „Winkel", einem schmalen Durchgang zwischen dem „Fidelishaus" und unserem Haus. Wir provozierten ihn, bis er aufgebracht hinter uns her rannte. Einer stand an der „Winkeltür" bereit. Er öffnete sie, als wir angerannt kamen, und blieb dann da-hinter verborgen stehen. Die andere Tür hatten wir nur angelehnt. Also ging die Hatz quer durch den Schweinestall - zur Verwunderung unserer Sau. Auf der anderen Seite rannten wir raus, auf unseren Hof, und sperrten die Tür hinter uns zu. Als der Nachbar in dem Saustall war, schlug der, der sich versteckt hatte, die Tür zum „Winkel" ebenfalls zu und versperrte sie gleichfalls. Der unliebsame Nachbar saß also in der Falle - mehr noch: im Schweinestall. Er schrie um Hilfe, aber da es mittlerweile schon spät am Abend war, hörte ihn niemand. Er musste unserem Schwein infolgedessen einige Stunden Gesellschaft leisten. Als unsere Bäcker gegen 3 Uhr zur Arbeit ka-men, hörten sie seine Schreie und befreiten ihn aus seiner misslichen Lage. Wir hatten ja unseren Spaß, und für seine Unfreundlichkeit hatten wir uns auch gerächt. Als wir hörten, dass er nicht gut gerochen hatte, als er aus dem Stall kam, grinsten wir nur. Die ganze Nachbarschaft lachte darüber. Immerhin ließ er uns von diesem Tag an in Ruhe. „Rache ist süß", heißt es gemeinhin. Aber stinkige Rache ist wirkungsvoller!

Corpus verschwindibus

Mein Großvater betrieb ebenfalls eine Bäckerei in Sigmaringen. Man war früher halt in der Backstube nicht so empfindlich und auf Reinlichkeit bedacht, wie es mein Vater gewohnt war. Und das war zwischen den beiden Männern immer ein Streitpunkt.

Eines Tages kam eine Kundin in den Bäckerladen meines Großvaters. Sie wollte den Chef persönlich sprechen, und der wurde auch gleich geholt. Die Kundin beschwerte sich - und das mit Recht! Sie behauptete, dass in einem der dort gekauften
Brote Mausbollen (Mäusekot) enthalten waren. Den Beweis hatte sie in einem Papierfetzen mitgebracht. Mein Großvater sagte: „Darf ich mal sehen?" - Daraufhin kippte sie ihm die Mausbollen auf die Hand. Er schaute kurz hin, nahm die Brökchen und steckte sie sich in den Mund. Nach ein paar Kaubewegungen sagte er: „Gnädige Frau, das war Kümmel!".

Wie wollte sie jetzt noch das Gegenteil beweisen, nachdem das Objekt der Beschwerde auf diese sehr überzeugende Weise verschwunden war?!

Schlagfertig ins Neue Jahr

Arbeitszeit war bei uns nie ein Diskussionsthema. Es wurde gearbeitet, solange man zu tun hatte - basta! Da wir auch sonntags arbeiten mussten, bekamen wir in der Woche einen Mittag frei. Es konnte also passieren, dass der Chef mir um 15
oder 16 Uhr sagte: „Du hast heute deinen freien Tag!" - So war das damals eben! Beschwerde - Pustekuchen!

Es kam also auch einmal vor, dass ich an Silvester noch um 23 Uhr in der Backstube stand, um „Berliner" zu backen. Ich war frustriert, da ich hörte, wie die Gäste im Café beim Feiern immer fröhlicher wurden. Und dann fing auch noch eine Katze an zu schreien ... mir ging alles gehörig auf die Nerven. Ich holte gerade eine Fettpfanne mit „Berlinern" vom Herd, als die Katze erneut loslegte. Ich konnte nur vermuten, wo sie war. Aber es packte mich plötzlich eine solch unbändige Wut, dass ich eine Kehrschaufel nahm und sie in Richtung Katze warf - mit voller Wucht. Die Kehrschaufel flog an die Hausecke, prallte dort ab
und knallte anschließend in die große, bleiverglaste Motivscheibe unseres Cafés. Es gab ein fürchterliches Geräusch, als das wunderschöne Fenster in sich zusammenfiel und zu einem Haufen Scherben wurde. In diesem Moment schlug es 12 Uhr. Es war jedoch auf einmal merkwürdig still im Lokal, alle schienen dem Atem anzuhalten, statt auf das neue Jahr mit Jubel anzustoßen. Als die Tür aufging und mein Chef auf mich zustürzte, stand ich da, mit hochrotem Gesicht. Aber bevor
er etwas sagen konnte, sagte ich salbungsvoll: „Chef, ich wünsche Ihnen ein gutes und glückliches neues Jahr!". Er war so perplex, dass er in diesem Augenblick nur erwiderte: „Ich dir auch! Aber das Fenster wird bezahlt!". Dann drehte er sich um und ging wieder ins Café. Dort wurde nun endlich der Sekt ausgeschenkt und mit etwas Verspätung auf das neue Jahr angestoßen. So wurde aus einer anfänglich gewöhnlichen Sylvesterfeier das damals wahrscheinlich erste Open-Air-Fest im Winter!