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Buchregal

Septemberkraut

Kriminalroman

Art: Taschenbuch
Seiten: 86
ISBN: 978-3-941275-22-5
Preis: € 10,80
Erscheinungstermin: August 2010

Auf der sonst so beschaulichen Nordseeinsel Floh häufen sich in diesem Herbst die Unglücksfälle: Zuerst gilt die rüstige, 77-jährige Witwe "Oma Stübe" seit einigen Tagen als spurlos verschwunden. Dann wird die Grundschullehrerin Hanne von Stetten völlig verwirrt und unterkühlt in letzter Minute vor dem Ertrinken aus der Nordsee gerettet. Als dann noch ein älterer Inselbewohner mit einer blutenden Wunde am Kopf tot aufgefunden wird, macht sich Angst unter den Anwohnern der kleinen Urlaubsinsel breit.

Wird das allmählich zurückkehrende Gedächtnis der Grundschullehrerin der Polizei helfen können, einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen herzustellen? Und welche Rolle spielt dabei der angeblich vorbestrafte Briefträger Hansi Birkle, der sich gerade jetzt überstürzt von der Insel versetzen lässt? Als der Bürgermeister damit beginnt, seine eigenen Nachforschungen anzustellen und dabei nach und nach auf manch dunkles Geheimnis in der Vergangenheit der Inselbewohner stößt, erscheint das vermeintliche Ferienidyll unverhofft in einem anderen Licht.

Leseprobe

Die Rettungsflieger

Professor Schnitter saß am Krankenbett einer Frau, die gerade mit dem Rettungshubschrauber auf die gynäkologische Intensiv-Station eingeliefert worden war und grübelte vor sich hin. Am Morgen hatte er in der Zeitung die Vermisstenanzeige von Oma Stübe gelesen. Aber diese Frau, die ihn sehr verstört ansah, wirkte jünger. Der Notarzt sowie der Sanitäter vom Rettungsflieger berichteten ihm, dass sie der Verunglückten am Ufer den Mantel und die Schwimmweste ausgezogen haben, um den Neopren-Anzug zu öffnen, weil sie sahen, dass sie hochschwanger war.
,,Die Frau schlug mit den Händen um sich, warf ihren Kopf wild hin und her und ich musste ihr im Hubschrauber, nachdem wir sie in eine wärmende Schutzhülle gepackt hatten, eine leichte Beruhigungsspritze geben."
„Wissen Sie wie alt die Dame ist, die man schon seit Tagen von der Insel Floh vermisst?", fragte Professor Schnitter den Notarzt.
„Viel älter, Herr Professor, über 60 Jahre." Der Professor schüttelte den Kopf. Er musste seine Hoffnung, Frau Stübe gefunden zu haben, begraben. Dann untersuchte er behutsam die eingeflogene Patientin, die plötzlich etwas Unverständliches murmelte. Alle bemühten sich, sie zu verstehen. Schwester Katja sagte dann: „Ich glaube, sie sagt: „Wasser, Wasser!"
„Dann holen Sie bitte schnell ein Glas Wasser, Schwester Katja." Die Schwester folgte der Anweisung, aber die Patientin trank nur einen kleinen Schluck und schüttelte vehement den Kopf. „Ich glaube, sie spricht von der Nordsee, Herr Professor", sagte der Rettungssanitäter.
„Wieso geht eine Hochschwangere um diese Jahreszeit noch surfen?", fragte Professor Schnitter die beiden Männer. Sie berichteten ihm dann, dass ein Fischer mit seinem zehnjährigen Sohn die Frau aus der Nordsee geholt habe. „Vielleicht ist sie von einer ostfriesischen Insel gestartet. Der Sohn des Fischers habe das Blinken an ihrer Schwimmweste erkannt und sie seien ihr noch rechtzeitig zu Hilfe gekommen. An der Küste wurde dann der Rettungsflieger alarmiert. Professor Schnitter nickte.
Später wurde die Patientin gynäkologisch untersucht und der Professor stellte fest, dass es dem Baby gut ging und die Geburt noch einige Tage Zeit hatte. Jetzt war es erst einmal wichtig, die stark unterkühlte und wirre Frau zu beruhigen, um so zu erfahren, was überhaupt passiert war. Sie hing am Tropf und eine schleunigst herbeigerufene Psychologin versuchte, sich mit ihr zu unterhalten. Plötzlich fasste die Frau an ihren Bauch, riss die Augen weit auf und sagte: „Mein Kind."
Die Psychologin nahm ihre Hand, streichelte sie und sagte leise in ihr Ohr: „Es geht Ihrem Baby gut und Ihnen hoffentlich auch bald wieder. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind hier in Hamburg-Eppendorf in der Universitätsklinik und ich bleibe so lange bei Ihnen, wie Sie es möchten." Die Frau machte die Augen wieder zu, ihre Arme zuckten noch ein wenig, aber sie schlug nicht mehr um sich. Dann sagte sie plötzlich: „Viel Wasser...hohe Wellen...Angst."
„Waren Sie surfen?", fragte die Psychologin. Die Patientin schaute sie erstaunt an und schüttelte den Kopf. „Sie müssen jetzt keine Angst mehr haben. Können Sie mir Ihren Namen nennen?" Die Frau sagte aber nur: „Baby."
„Ja, es geht ihm sehr gut, dem Baby." Dann legte die Psychologin ihre Hände auf die Wangen der Frau, um ihr Nähe zu signalisieren. Die Patientin schlief ein. Schwester Katja kam mit der Schwimmweste der unbekannten Frau ins Zimmer und zeigte der Psychologin ein kleines Etikett, auf dem die Initialen H.V.v.St. standen. „Ich habe auch Herrn Professor Schnitter unterrichtet sowie die Polizei. Irgendjemand wird die schwangere Frau ja wohl vermissen."

Frau Lisa von Stetten hörte klassische Musik im Radio, als mittendrin die Suchmeldung gesendet wurde: „Wer kennt eine Frau von circa 40 bis 45 Jahren, hochschwanger, die mit dem Rettungsflieger am Abend in die Hamburger Uniklinik eingeliefert wurde. Sie schwamm verzweifelt in der Nordsee vor Ostfriesland und wurde von einem Fischer und dessen Sohn entdeckt. Laut ihrer Schwimmweste lauten die Initialen der Frau: H.V.v.St. Bitte melden Sie sich umgehend bei der Polizei, wenn sie Angaben zur Person machen können." Frau von Stetten reagierte schnell. Sie rief die Polizei an und teilte mit, dass es sich um ihre Nichte, Hanne Viktoria von Stetten, handeln müsse. Dann fuhr sie mit einem Taxi in die Klinik. Die Beamten und Professor Schnitter erwarteten sie schon. „Es kann sich nur um meine Nichte Hanne handeln, wo ist sie?" Der Professor erklärte ihr, man müsse noch sehr vorsichtig mit der Patientin umgehen, sie habe einen Schock erlitten und benötige jetzt sehr viel Ruhe. Wie lange sie in der Nordsee um ihr Leben und das ihres Kindes kämpfte, weiß keiner. Sie sei noch nicht ansprechbar und eine Psychologin betreue sie jetzt.
Ganz vorsichtig öffnete er die Tür und Frau von Stetten erkannte ihre Nichte sofort. Sie schlief noch immer.
„Das ist Hanne. Aber sagen Sie doch, Herr Professor, wie kommt Hanne plötzlich hierher. Sie wollte das Kind im Kreiskrankenhaus an der Küste zur Welt bringen, war dort für heute Abend angemeldet. Was ist mit meiner Nichte passiert? Im Rundfunk sprach man von einem Fischerboot, und dass man sie aus dem Wasser gezogen hat. Ich verstehe das alles nicht so recht."
Die zwei Kripo-Beamten und der Professor klärten die Tante über das, was sie wussten, auf. Viel war es nicht. „Gibt es einen Ehemann, der zu verständigen wäre?", fragte Professor Schnitter die Tante. - „Nein!"- „Wollte ihre Nichte vielleicht Selbstmord begehen?"
„Wo denken Sie hin, das Kind ist ein Wunschkind. Außerdem will sie keinen Mann. Sie ist durch ihren Vater vorgeschädigt. Genügt Ihnen diese Auskunft?"
„Selbstverständlich", sagte der Professor und die Beamten nickten ebenfalls.
„Übrigens hat meine Nichte große Angst vor dem Fahren mit Fähren, weil in letzter Zeit des Öfteren mal eine Fähre untergegangen ist." Frau von Stetten erzählte ihnen, dass der Geburtstermin auf den 30.09.06 errechnet wurde. Heute war der 18. September.
„Kann ich bitte sofort meine Schwägerin, Hannes Mutter, anrufen? Sie wird sich große Sorgen machen." Man schickte die Tante ins Schwesternzimmer zum Telefon. Als sie zurückkam, fragte einer der Kripobeamten:
„Können Sie sich erklären, warum Ihre Nichte einen Neoprenanzug und eine Schwimmweste trug?" - „Ja, um nicht in der kalten Nordsee zu ertrinken oder zu erfrieren. Surfen kann Hanne nicht. Sie ist auch keine gute Schwimmerin und zieht den Anzug immer an, bevor sie auf die Fähre geht. Und darüber einen leichten und weiten Übergangsmantel, damit sie bei den anderen Fahrgästen nicht auffällt." Als Frau von Stetten den Beruf und Wohnort ihrer Nichte angab, horchten die Kripo-Beamten kommentarlos auf, denn die Nichte der Dame stammte von der Insel Floh. Sie verabschiedeten sich und baten den Professor darum, ihnen Bescheid geben zu lassen, wenn es Hanne von Stetten besser ginge, damit sie sie befragen und ihre Ermittlungen weiterführen konnten.