Autoren-Stimmen

Foto: Ilse Grünewald

Zitat

Ilse Grüne­wald
(Flam­men­des Herz)

Für die sehr gute Beratung und die vertrauensvolle Atmosphäre möchte ich mich sehr herzlich bedanken. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit meinem Buch!

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Flammendes Herz – Mein langer Weg zu mir selbst

Art: Taschenbuch
Seiten: 106
mit zahlreichen Fotos
ISBN: 978-3-941275-02-7
Preis: € 11,80

Eine Lebensgeschichte gleicht einem Regenbogen. Das ganze Farbspektrum eines satten und reifen Lebens mit seinen hellen und dunkleren Tönen erscheint einem vor Augen: so auch die vorliegende Autobiografie von Ilse Grünewald, die uns die Höhen und Tiefen eines von schweren und schicksalhaften Ereignissen geprägten Lebens doch zugleich voller Lebensmut und Hoffnung vermittelt. Im Elternhaus misshandelt und gedemütigt, führt die Autorin fortan einen Überlebenskampf gegen bittere Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung. In der dunkelsten Stunde begeht sie scheinbar die größte Dummheit ihres Lebens. Aber genau diese wird zum Wendepunkt ihrer bis dahin verzweifelten Suche nach Zugehörigkeit. In aller Offenheit nimmt uns Ilse Grünewald mit hinein in die Aussichtslosigkeit des Nachkriegsdeutschlands und die aufkeimende Hoffnung der späteren Aufbaujahre. Was ursprünglich damit begann, die eigenen Erlebnisse aufzuarbeiten, wurde schließlich zu einem Beispiel für die kompromisslose Suche nach dem eigenen Weg und dem überzeugenden Aufruf für mehr Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

Leseprobe

Nach Kriegsende 1945 kam mein Stiefvater Hans-Helmut nach Hause. Dies war meine erste Begegnung mit ihm. Ich hatte ihn vorher noch nie gesehen, aber mich auf seine Rückkehr sehr gefreut. Ich war jetzt 15 Jahre alt und hatte die Hoffnung, dass meine Mutter mich nicht mehr so hart behandelte, wenn eine zweite erwachsene Person in unserem Haushalt lebt. Und ich hatte Recht. Vom Zeitpunkt der Rückkehr meines Stiefvaters an ging es mir besser. Er hatte von allem was in den Kriegsjahren in unserem Haushalt geschehen war keine Ahnung und von ihm gab es auch für mich freundliche Worte, für die ich sehr dankbar war. Ich fühlte mich wohl und war glücklich in seiner Nähe zu sein. Seine Heimkehr kam mir wie eine Erlösung von der Tyrannei vor.

Aber ich war nun auch kein Kind mehr und die Ebenen vermischten sich. Ich fühlte mich in seiner Nähe sicher und suchte sie deshalb auch. Ich habe mir dabei nichts Böses gedacht; ich war einfach nur glücklich bei ihm. Mein Stiefvater hat in mir aber auch kein Kind mehr gesehen, sondern eine junge geschlechtsreife Frau. Als meine Mutter eines Tages für ein paar Tage außer Haus war, kamen wir uns besonders nahe und er schlief mit mir. Mit meinen fünfzehn Jahren konnte ich überhaupt nicht überblicken, was das eigentlich bedeutete. Ich war ausgehungert nach Nähe und bereit, für ein paar liebe Worte und Zärtlichkeit alles zu geben, sogar meine Unschuld. Vielleicht ist es jetzt einfach zu sagen, mein Stiefvater habe mich sexuell missbraucht. Es stimmt, dass er der Erwachsene war und hätte wissen müssen, dass er dies nicht hätte tun dürfen. Aber da waren die grausamen Erfahrungen im Krieg und da war das Leben mit meiner Mutter - die sicher auch keine liebevolle Ehefrau war. Auch wenn ich mich später lange geschämt habe: Zunächst war ich glücklich, dass mein Stiefvater meine intime Nähe suchte. Unser Glück dauerte ein halbes Jahr und dann kam die schreckliche Wendung. Meine Mutter muss gespürt haben, dass irgendetwas nicht in Ordnung war und stellte mich zur Rede. Ich gab alles zu und ahnte nicht, was die Folgen waren. Meine Mutter holte mich in der nächsten Nacht aus dem Bett, meine Geschwister schliefen alle. Mein Stiefvater, der sich wohl vor meiner Mutter damit retten wollte und vermutlich von ihr dazu aufgefordert worden war, schlug mich jetzt mit einem dicken Holzspanner so stark auf den Rücken, dass ich Blut brechen musste. Meine Mutter saß im Bett und hat von da aus zugesehen. Sie drohte mir, wenn ich einen Mucks von mir gäbe, würde ich noch mehr kriegen. Heute glaube ich, dass es ihr damals recht gewesen wäre, wenn er mich totgeschlagen hätte. Die Verletzungen der Lunge sind bis heute auf Röntgenaufnahmen zu sehen. Jetzt hatte ich wirklich alles verloren. Der Stiefvater, bei dem ich mich bisher wie bei meinen Pflegeeltern aufgehoben gefühlt hatte, wurde mir von einer Sekunde auf die andere nicht nur entzogen, sondern wurde auch noch zu meinem Peiniger und dem Verbündeten meiner Mutter. Er schlief weiterhin mit mir - aber jetzt wurde ich wirklich benutzt und missbraucht. Alles Liebevolle war nun fort. Er drohte mir, wenn ich etwas erzählen würde, würde er mich im Wald zerstückeln. Jetzt wollte ich nur noch schnellstens von Zuhause weg. Dies war wohl auch der Wunsch meiner Eltern und sie besorgten mir eine Arbeitsstelle auf einem kleinen Bauernhof in Allenroth.

Ich hatte 1944 mit 14 Jahren meinen Volksschulabschluss erhalten und bin seither nie wieder zu einer Schule gegangen. Meine Schulzeit lag also überwiegend in der Kriegszeit und war von vielen Unterrichtsausfällen und dem Verlust von guten Lehrern im Krieg geprägt. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte es zu meiner Zeit schon so ein gutes Schulsystem wie heute gegeben. Allenroth ist ein Dorf nicht weit weg von Kirchbracht, dem Ort, in dem meine Familie lebte. Ich war zwar jetzt nicht mehr zu Hause, aber doch noch nicht in Sicherheit vor meiner Mutter. Vielleicht konnte sie es nicht ertragen, wenn es mir gut ging. Ich arbeitete in Allenroth auf dem Hof, hütete Kühe oder war auf dem Feld. Meine Mutter hatte in Erfahrung gebracht, dass ich in Allenroth öfters zum Tanz ging. Möglicherweise holte sie mich deshalb zum Kirmes-Tanz nach Kirchbracht. Ich hatte mich überreden lassen - hinterher bereute ich diesen Entschluss bitterlich.

Ich weiß nicht mehr warum, aber vor dem Fest wollte mir meine Mutter die Haare schneiden. Ich hatte damals schönes, schulterlanges Haar. An einer Kopfhälfte schnitt sie die Haare kreuz und quer kurz und an der anderen Kopfhälfte ließ sie die Haare schulterlang. Und dann sagte sie: „Nun kannst Du zum Tanz gehen!". Ich schaute in den Spiegel: Es sah fürchterlich aus. Alle jüngeren Geschwister lachten über meinen Haarschnitt. Dieses Gefühl der Erniedrigung werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Es war grausam. Warum habe ich es mit mir machen lassen? Ich weiß bis heute nicht, warum ich mir das alles gefallen ließ. Eigentlich hätte ich nur fortgehen brauchen, ich hatte ja mein Zimmer und meine Arbeit. Aber ich habe die Quälereien immer wieder ertragen. In den Augen meiner Mutter war ich böse und schlecht und hatte Strafe verdient. Mit mir konnte sie einfach machen, was sie wollte. Dieses Gefühl hat sich tief eingebrannt - in mein ganzes Leben. Rückwirkend
scheint es mir, als habe ich fast unter einem Bann gestanden. Wie konnte ich annehmen, dass meine Mutter mir durch das Haareschneiden einen lieben Gefallen tun wollte? Ich hatte doch bereits so viele schlimme Erfahrungen mit ihr gemacht.