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Odyssee des 20. Jahrhunderts
Autor: Wilfried Schubinski
Art: Taschenbuch
Seiten: 168
ISBN: 978-3-941275065
Preis: € 12,80
1920 in Schlesien geboren, hat Wilfried Schubinski die Wechselfälle des 20. Jahrhunderts hautnah erlebt. Geprägt vom frühen Verlust des Vaters, dem Wehrdienst im 2. Weltkrieg und der fünf Jahre dauernden, schweren Kriegsgefangenschaft in sowjetischen Arbeitslagern, hat er es nach dem Krieg als Selfmademan in der Textilbranche zu Erfolg gebracht. Später wagte er den Sprung über den Atlantik, wo er, zusammen mit seiner Frau Uschi, in Florida seinen Alters(un)ruhesitz wählte. Liebe zur Familie und den Menschen allgemein sind sein Gegenpol zu Neid und Hass, die er in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft wahrnimmt. Wilfried Schubinski ist geprägt von seiner tief christlichen, katholischen Überzeugung und seinem starken Lebenswillen, was ihm durch alle lebensbedrohenden Situationen half. Er erinnert sich in diesem Buch an viele Episoden und Menschen, die sein Leben begleiteten.
Leseprobe
Die Parole ging um, dass ein weiteres Projekt der Sowjets in den Bergen geplant war. Die Hoffnung sackte auf den Tiefpunkt. Der vierte Winter kam mit Temperaturen bis 40° minus. Da halfen keine doppelten Fußlappen, kein Lappen vor dem Mund. Die Kälte kroch in die Seele der abgemagerten, wankenden Gestalten. Nur Durchhalten, Überleben. Die Brigaden wurden zum Schneeschippen und Reparieren eingefrorener Wasserleitungen eingeteilt. Bei einem dieser Einsätze hatte ich ein Erlebnis, das ich mit in den Tod nehme. Es war das utopische unfassbare Treffen mit dem jungen Mädchen, in dem ich mit Zweifeln Kiki sah. Realität oder Sinnestäuschung? Es gab soviele Facetten, die ineinander griffen, aber keine Fakten, welche ihre Identität bestätigten. Immer wieder ließ ich das Erlebte vorüberziehen. Hier der betreffende Tag: Die Wasserrohre vor einer langen Reihe auf Pfählen stehender Nissenhütten waren in einer Tiefe von anderthalb Metern eingefroren. Wir sollten sie freilegen und auftauen. Mit einem langen Meißel und einem Vorschlaghammer mussten jeweils zwei Gefangene den tiefgefrorenen Boden aufbrechen. Wir hatten schon eine Strecke geschafft, da passierte es. Mein Kamerad verfehlte mit dem Vorschlaghammer den Meißel und traf mit voller Wucht meinen Daumen und das Gelenk. Ich schrie vor Schmerz. Vorsichtig zog ich den Daumen aus dem Handschuh. Er war ein Blutklumpen. Da kam auch schon der Wachposten, sah den Matsch und sagte in zivilisiertem Ton „Dawei". Er führte mich zu den Nissenhütten. Er öffnete eine Tür und schob mich hinein. Dort stand ein älterer Mann. Der Posten zeigte auf meinen Daumen und sagte etwas. Dann verschwand er draußen. In dem kleinen Raum, gleich neben der Tür, brannte das Feuer in einem Küchenherd. Daneben standen ein Tisch und ein Schrank. Der Mann schaute mich an und rief in den Nebenraum etwas wie „Kiki, ella do." („Kiki, komm mal her.") Der Name elektrisierte mich. Sollte ich richtig gehört haben? Trotz der Schmerzen nahm ich wahr, dass er griechisch sprach. Ich fragte ihn daraufhin „Iste ellines?" („Sind Sie Grieche?") Er antwortete kurz „ne" („ja"). Erstaunt fragte er: „Sprichst Du griechisch?". Ich nickte nur. Denn in dem Moment kam eine junge Frau in den kleinen Raum. Schwarze lange Haare, dunkle Augen, schmales Gesicht. Ich hielt den Atem an, hatte keinen Schmerz mehr. War es „Kiki"? Älter, traurig, verhärmt. In dunkler verschlissener Kleidung. Nicht die schicke jugendliche Kiki von Athen. Es waren fünf Jahre inzwischen vergangen. Tausend Gedanken rasten durch mein Hirn. Es war schlicht unmöglich. Sie fragte „Ti ine, Pa?" („Was ist, Pa?"). Er deutete auf meine Hand und sagte „verbinde das" und zu mir „Du sprichst griechisch; wie lange bist Du hier?" „Drei Jahre", war meine Antwort. Dabei schaute ich nur auf „Kiki". Zum Vater gewandt, fragte ich, wie er als Grieche hier her komme? Da begann er zu erzählen, als wenn er seine Seele befreien wollte. Alle meine Sinne drehten sich um „Kiki". Sie schien mich in meiner Gefangenenmontur und meinem körperlichen Zustand noch nicht erkannt zu haben. Wie gerne hätte ich sie in die Arme genommen. Wenn da nicht soviel Gefahren für uns Beide drohen würden. „Kiki" hatte Verbandszeug hergeholt. Unsicher schaute sie mich an. Sie schien es nicht glauben zu können, dass ich es war. Nach all den Jahren kannte sie mich nur in der weißen Tropenuniform und nicht in dieser armseligen Verfassung. Als sich unsere Augen trafen und ich ihren Namen lautlos mit den Lippen formte, meinte ich, einen Druck in meiner Hand zu spüren. Zugleich sah ich in ihren Augen die Angst, uns zu verraten. Ich kannte die äußerst strenge religiöse Einstellung ihres Vaters über Familienehre und seine Verbote. Auch ihr war mit Sicherheit die vielfältige Gefahr bewusst, besonders die Angst, von ihrem Vater verstoßen zu werden, wenn er von unserer Liebe erfahren würde. Was würde sie alleine tun? Sicherlich sprach sie kein russisch, kaum armenisch. Ihre Muttersprache war griechisch. Dazu die Gefahr der sowjetischen Schergen, weil sie ein Komplott vermuteten. Sollte der erregte Vater ausrasten, drohte für uns drei tödliche Gefahr. Ich spürte förmlich die tausend Gedanken, die durch unsere Köpfe schwirrten. Wir waren zum Schweigen verdammt. Ich sah Tränen in ihren Augen, fühlte, wie sie zärtlich meine Hand tupfte. So nahm ich die Gesten und Gedanken „Kikis" wahr. Die erregte Erzählung ihres Vaters schien sie schwer zu belasten. Während dieser Gedankengänge schilderte ihr Vater seine Geschichte. Er wäre geborener Armenier, als junger Mann sei er während der russischen Revolution nach Griechenland ausgewandert und habe dort eine Griechin geheiratet. „Als meine Frau starb wollte ich gerne nach Armenien zurück. Nach dem gewonnenen Krieg versuchten die Sowjets, alle ausgewanderten, russischen Bürger zurückzuholen. Sie versprachen uns, alle Kosten zu tragen. Wir könnten alle Möbel und Autos verschiffen und bekämen hier alle Entwicklungsmöglichkeiten." Seine Stimme wurde erregter und lauter, so dass „Kiki" ihn immer wieder ermahnte, sich nicht aufzuregen und leiser zu sein. Sie fürchtete, einer ihrer Nachbarn könnte griechisch verstehen. Doch er ließ sich nicht stoppen. Die sichtbare Wut zwang ihn, weiter zu erzählen. „Ich habe in Athen gut verdient und meinen Wagen mit nach Batum gebracht, um hier einen Taxibetrieb aufzubauen. Sie nahmen mir alles und sagten, ich bekäme einen größeren Wagen und einen guten Job. Jetzt bin ich ein LKW-Fahrer für das Kraftwerk hier oben. Sieh dir meine armselige Wohnung an, ich habe nichts. Das ist das Sowjetparadies." Zwar hatte ich nicht jedes Wort verstanden, aber seine Geschichte schon. Mir schien, als wenn der Vater nach dem Ausspucken seines Elends erleichtert wäre. Es war ein gefährliches Wagnis, sich jemandem so anzuvertrauen. Mit niemandem konnte er darüber sprechen. In mir sah er einen Leidensgenossen, der das gleiche Schicksal ertragen muss. Niemand, meinte er, könnte sein Griechisch verstehen. Selbst die Gefahr, als Staatsfeind zum Tode verurteilt zu werden, hinderte ihn nicht, es los zu werden. Es belastete ihn sicherlich schwer, seine Tochter mit in das Elend gezogen zu haben. Mir war das familiäre Verhalten der streng gläubigen Armenier durch Kikis Athener Äußerungen bekannt. Nie hätte sich eine Tochter dem Willen ihres Vaters widersetzt. Er durfte von unserem Verhältnis nichts erfahren. Um so mehr verstand ich ihre Tränen. Mir war das Herz so schwer. Tröstend drückte ich ihre Hand und sagte: „Danke schön" und fügte, nach Worten suchend und um sie abzulenken, hinzu, „Wo arbeitest Du hier?" „Ich arbeite am Ausgang des Tunnels bei den Pumpen.", war die traurige Antwort. Die Machtlosigkeit, unser Schicksal nicht ändern zu können, ließ mich verzweifeln. Da hörten wir das grobe Klacken der Knobelbecher des Postens.


