069/20025091 info@laudatio-verlag.deKomplett-Service für Neuautoren

Startschuss in Zimmer 123 ...

Von der Neuroklinik zurück in die Laufschuhe

Buchbild

Autor: Heinz Weber



Art: Softcover
Seiten: 266
ISBN: 978-3-941275-38-6
Preis: € 12,95

Heinz Weber ist erfolgreicher Vertriebsleiter, glücklich verheiratet und leidenschaftlicher Marathonläufer. Doch auf dem Höhepunkt mentaler und körperlicher Fitness bringt eine rätselhafte Krankheit sein bisheriges Leben ins Wanken: Innerhalb weniger Tage verliert der 62-Jährige Gleichgewichts-, Hör- und Geschmackssinn und findet sich eines Morgens in einem Krankenbett der Freiburger Neuroklinik wieder.
Im dortigen Zimmer 123 beginnt er seinen dramatischen Lauf gegen die Verzweiflung und zurück zu Lebensfreude und Selbstbestimmung ...

Ein Erfahrungsbericht, der Mut macht, und zeigt, wie man mit einer positiven Lebenseinstellung und mit der Unterstützung von Angehörigen und Freunden auch schwierige Herausforderungen bewältigen kann.

Foto:  Heinz Weber

Heinz Weber

Heinz Weber wurde in Elzach-Yach, einer kleinen Gemeinde im Südschwarzwald, geboren. Nach technischer Ausbildung im elterlichen Baugeschäft und anschließender Tätigkeit in einem Architekturbüro und Bauunternehmen, entdeckte er seine Liebe zum Verkauf. Seitdem kombiniert er als Verkaufsleiter für große Bauträgergesellschaften sein fachliches Know-How mit seiner Verkaufsleidenschaft. Der lizenzierte Verkaufstrainer schreibt für sein Leben gerne Gedichte und ist ein begeisterter Jogger und Marathonläufer.

Leseprobe

„Morgen früh geht´s zum Arzt, das wird ja immer schlimmer mit dir", war der Tagesbefehl für den nächsten Morgen. Und ich befolgte dies ohne Murren und Widerwillen. Autofahren war unmöglich, meine Frau im neuen Job, die Straßenbahnhaltestelle nur 400 m weg - die Fortbewegung auf diese Art war vorbestimmt.
„Herr Weber, was ist denn los, ist Ihnen nicht gut?", diesen Satz sollte ich zweimal von Menschen hören, die mich meist fröhlich joggend in Erinnerung hatten. „Ja ja, bin auf dem Weg zum Ohrenarzt, irgendwie Gleichgewichtsprobleme", war die Standardantwort an meine Nachbarn. Ich streifte an Thujahecken vorbei, stützte mich an parkenden Autos ab, fand Halt an Jägerzäunen und war heilfroh, als ich in der Straßenbahn saß.
Stadttheater, Ausstieg, Straße überqueren, Aufzug, Praxis. „Guten Morgen, Herr Weber, geht`s Ihnen nicht so gut?", begrüßte mich die freundliche Dame an der Rezeption. „Setzen Sie sich gleich dort hin", war die nette Aufforderung, mich schon auf den „Direktwartestuhl" des Arztes zu setzen. Kurz darauf öffnete sich die Tür. Einer jungen Dame, die das Sprechzimmer verließ, konnte bestimmt geholfen werden. Diese schnelle Hilfe erhoffte ich auch, als ich dann auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen durfte. Wieder die berühmte Untersuchungsbrille und der mir schon bekannte Satz, dass das Gleichgewicht zwar erheblich gestört sei, aber die Tabletten ihre Wirkung kurzfristig entfalten müssten. Ich dachte mir noch: „Wie sollten Tabletten außerhalb des Körpers, in der WC-Schüssel, wirken können?" Es wurde noch eine Gehörprüfung vorgenommen, die kein anderes Ergebnis als bisher bekannt hervorbrachte. „Am Freitag möchte ich Sie unbedingt nochmals sehen, dann müssen wir, sollte keine Besserung eintreten, uns anderweitige Gedanken machen." Ich selbst zweifelte etwas an den schnellen Heilungschancen, verließ aber dennoch wieder etwas erleichtert die Praxis, denn ich hatte ja bisher alles getan, was man tun sollte, nämlich frühzeitig zum Arzt zu gehen.
Wieder stieg ich in die Straßenbahn und ging dann über einen kleinen Umweg zum Bäcker, um für den Abend schönes, frisches Brot zu kaufen, und vielleicht für den Nachmittagskaffee einen Berliner oder ein anderes leckeres Teilchen mitzunehmen. In der Bäckerei wurde mir dermaßen schwindelig, dass die Verkäuferinnen mich in der ersten Aufregung auf eine Bank setzten, um dann gleich den Notarzt rufen zu wollen. „Nein, nein", beschwichtigte ich, „ich war gerade beim Arzt, hab nur etwas Probleme mit dem Gleichgewicht."
„Ist Ihnen auch wirklich gut?", waren ihre Abschiedsworte, und nur ungern ließen sie mich alleine den Heimweg antreten. Ich torkelte über die Straße, dann an jeder Hauswand wieder Halt suchend, kam ich Stückchen für Stückchen vorwärts. Ich erinnere mich noch an zwei Lausbuben, die verschmitzt kicherten, als sie mich sahen. Ihre Gedanken könnten gewesen sein: „Bestimmt so ein Alter, Besoffener, auf dem Weg zur nächsten Kneipe."

Zuhause angekommen musste ich mich erst einmal ausruhen, dann wechselte ich ins „Homedress" und in den Fernsehsessel zu einem kleinen, jetzt wohlverdienten Erholungsschläfchen. An diesem, wie ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, vorerst letzten Abend daheim ähnelte alles dem Vorabend. Es gab einen Erlebnisbericht von Kerstins Arbeitstag und ein in etwas abgeschwächter Form geschildeter Erlebnisbericht von meinem „Krankheitstag", dann ein leichtes Abendessen, wieder mit dem Versuch, die Cortison-Tablette bei mir zu behalten, etwas fernsehen, und dann ab in die Federn. Kerstin gefiel dies alles nicht so richtig. Die nun deutlich sichtbaren, bei der Verkehrspolizei „Ausfallerscheinungen" genannten Bewegungsabläufe, machten ihr Sorgen. Beim Kuscheln, dem Halten meiner Hand, fühlte ich mich geborgen und schöpfte wieder Hoffnung auf einen nächsten, besseren Tag. Anfangs war ich noch etwas unruhig, doch bald fand ich ohne die üblichen Wege zum WC in den Schlaf. Dieser endete abrupt um 4:00 Uhr morgens mit den bereits geschilderten Symptomen. Nach dem Hilferuf an Schwester Ulrika, dem immer stärker werdenden Geräuschpegel in meinem Hirn und dem lähmenden Gefühl der Angst wurde mir bewusst: „Heinz, das ist mehr als eine Gleichgewichtsstörung, du bist schwer krank." Angstschweiß, bei anderen oft belächelt, zeigte sich auf meiner Stirn. Langsam begann das Schlafshirt an meiner Haut zu kleben, und dann wurde mir bewusst, dass ich etwas tun musste. Ich weckte Kerstin. Viel erzählen brauchte ich nicht, wahrscheinlich war mir mein Entsetzen, selbst bei Dunkelheit, sofort anzusehen. Sie ließ sich nicht von meiner Panik anstecken und ging ganz sachlich, aber bestimmt vor.
„Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten, entweder ich rufe sofort den Notarzt oder ich bring dich gleich um 8:00 Uhr zum behandelnden Arzt in die Stadt."
Notarzt, bitte nicht, dachte ich. Zu frisch waren die Erinnerungen, als ein Jahr zuvor in unserem 5-Familienhaus eines Samstagmorgens das Notarztteam anrückte, um etwas später unverrichteter Dinge wieder gehen zu müssen. Ein Nachbar, stets redselig und immer auf Achse, war am Morgen von seiner Frau tot im Bett aufgefunden worden. Eine Embolie hatte seinem Leben ein jähes Ende gesetzt. Gerade mal ein knappes Jahr hatte er sein wohlverdientes Rentnerdasein genießen dürfen.

Bis zur Praxisöffnung war ja noch genügend Zeit für Waschen (Duschen traute ich mich nicht), Anziehen und ein Glas frisch gepressten Orangensaft, immer begleitet von ohrenbetäubenden Kopfgeräuschen. Im Nachhinein weiß ich, dass es albern war, meine Frau an meinen Ohren hören zu lassen, ob diese Geräusche auch außerhalb hörbar wären. Sie waren es nicht, aber mein Gesichtsausdruck, die Körperhaltung und mein Verhalten gaben ihr bestimmt keinen Anlass, an meinem aktuell schlechten Zustand zu zweifeln.
Kerstin fuhr mich in die Stadt, brachte mich zur Praxis, und in dem Glauben, beim Arzt könne nichts mehr passieren, schickte ich sie an ihren Arbeitsplatz.

Kurz vor 8:00 Uhr betrat ich die Praxis. An der Rezeption saß ganz alleine die mir wohlgesonnene Arthelferin und schaute mich fragend an. Gähnende Leere fand ich in der schmucken Wartehalle vor, in der sich meistens hinter dem modernen Tresen fünf Arzthelferinnen um die hilfesuchenden Menschen kümmerten. Noch nie in all den Jahren hatte ich eine leere Praxis vorgefunden; meist warteten beim Zeitschriftenlesen ca. zwanzig Patienten auf die Worte: „Der nächste bitte".
„Oh Herr Weber, tut mir leid, heute ist die Praxis geschlossen, es ist Operationstag", waren die Begrüßungsworte der „Alleingelassenen".
„Entschuldigung, wo ist der OP-Tag, in der Klinik oder hier?", war der verzweifelte Versuch, doch noch einen Arzt vorzufinden. „Wir operieren hier, Herr Weber, der Zeitplan lässt aber leider keine Patientenbehandlung zu."
Ich wusste nicht, war es schon etwas Verzweiflung oder Angst, die mich energischer werden ließ. „Dann setz ich mich jetzt auf diesen Stuhl, Sie behalten mich bitte im Auge, und ich warte so lange, bis ich Hilfe bekomme. Mir geht es seit Tagen beschissen, und ich habe einfach das Gefühl, etwas mehr zu haben als nur eine Gleichgewichtsstörung." Noch nie hatte ich das mit Vorurteilen behaftete Privileg „Privatpatient" ausgenutzt, aber jetzt wollte ich einen Arzt, egal welchen und egal wann.
Da saß ich nun, betrachtete das als Raumteiler aufgestellte Großaquarium mit der bunten Unterwasserwelt und ihren lebhaften Fischen. Ich konnte sie nicht zuordnen; nur aus dem Aquarium-Bereich im Baumarkt, den ich als Warteinsel benutzte, wenn sich meine Frau im „Außenbereich Garten" aufhielt, waren mir einige einfache Namen im Gedächtnis geblieben: Diskusfische, Regenbogenfisch, Buntbarsche, kleiner Wels ... Die Geräusche im Kopf waren noch da, oder war es nur Einbildung? Erging es mir wie beim Werkstattphänomen, bei dem das scheinbar defekte Auto wunderbar rund läuft, sobald der KFZ-Meister die Inspektionsfahrt durchführt? Nein, ich fühlte mich elend, ich hatte weder Lust zu lesen noch Lust, mich mit der netten Helferin zu unterhalten, ich wollte jetzt behandelt werden, und ich musste leiden.
Dann ging alles ganz schnell. Nach der ersten OP dieses Morgens kam der mir vertraute HNO-Spezialist in lockerer Kleidung, die er, weil es so bestimmt bequemer war, unter dem OP-Kittel trug, auf mich zu, stützte mich, weil ich anders nicht laufen konnte, und führte mich behutsam zum Behandlungsstuhl. Die Untersuchung dauerte keine fünf Minuten; dann teilte er mir in kurzen Worten seinen Entschluss mit.
„Herr Weber, es tut mir leid, ich komme nicht mehr weiter, Ihr Gleichgewicht ist am Nullpunkt angelangt, Sie kommen jetzt als Notfall in die HNO-Klinik, und zwar sofort."